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Ein Einblick in die künstlerische Welt von Svenja Schüffler

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Sie ist eine Künstlerin mit einer großen Vision. An ihre Projekte geht sie nicht einfach willkürlich ran. Svenja Schüffler schafft mit ihren Arbeiten einen Schnittpunkt zwischen Kunst und Wissenschaft. “Organic Lifestyle” traf die Berliner Künstlerin zum Interview, wo sie uns einen Einblick in ihre Welt gewährte.

Woher kommt deine kreative Ader?
Ich vermute, das Visuelle habe ich schon von meiner Mutter. Natürlich habe ich schon in der Schule viel gezeichnet und ausprobiert. Aber soweit ich mich erinnere war meine Mutter die kreative Person in meinem frühen Umfeld, die mit ihren Experimenten und ihrem kreativen Engagement sehr prägend war. Das Haus, in dem ich wohnte, wurde von meinen Eltern, die keine Architekten sind, entworfen – mit spitzen Winkeln und nicht-rechteckigen Zimmern. Alles wurde Zuhause immer wieder umgeräumt, verschoben oder bemalt. Im Garten wurde auch ständig experimentiert, ausgehoben oder wachsen gelassen, es gab da keine Grenzen. Nicht nur, dass ich beim Zuschauen viel gelernt habe, meine Mutter hat mich da auch wirklich gefördert. Wir, und manchmal meine Schwester, haben zusammen an Bildern gearbeitet. Das war so intensiv, dass ich mich noch heute an Details in den Bildern erinnere und noch nachempfinden kann, wie sie entstanden sind und, welche Techniken wir eingesetzt haben.

Wie ging es weiter?
Ich habe später Kunst nicht studiert. Es war eine Option, aber ich hatte mich dagegen entschieden. Nach einer beeindruckenden Reise nach Ostafrika, während der Abiturzeit, wollte ich mir einfach die Möglichkeit offenhalten in der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten. Deswegen habe ich Geologie studiert, mit Schwerpunkt im Bereich Grundwasser und Wassermanagement. Meine Diplom Arbeit habe ich dann in Havanna auf Kuba durchgeführt, über einen Fall von Grundwasserverschmutzung. Parallel habe ich aber immer gezeichnet. Ich habe angefangen, Portraits von Menschen unterschiedlicher Kulturen zu erstellen. Ich habe dann parallel zum Geologie Studium meine Zeichentechnik immer weiterentwickelt.

Wie kam es dann, dass du dich beruflich doch für die Kunst entschieden hast?
Das war der Punkt an dem ich gemerkt habe, dass der scheinbare Umweg über die Geologie und Naturwissenschaft letztendlich eine Bereicherung ist und ein Wissen und eine Erfahrung liefert, die gerade eine künstlerische Arbeit prägen und vertiefen kann. Diese Erfahrung konnte ich am deutlichsten machen während eines zweiten Studiums der Geoinformationswissenschaften, das ich begonnen hatte und für das ich am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) eine Master-Arbeit über Erdbeben gemacht habe. Genauer gesagt, habe ich mich damit beschäftigt mit Hilfe der visuellen Darstellung von seismischer Aktivität neue Erkenntnisse über Erdbeben zu erlangen. Wissenschaftliche Visualisierungen als Erkenntnisgrundlage zu benutzen war für mich eine Erfahrung an der Schnittstelle zwischen Wissenschaften und Kunst. Eine Verbindung von logischem, gepaart mit spekulativem und kreativem Denken.

Gab es noch weitere Auslöser?
Ja. Gleichzeitig gab es auch eine Begegnung mit einer Person, die sehr beeindruckt war von meiner zeichnerischen Arbeit und mich eindrücklich und energisch aufgefordert hat, dieses Talent ernst zu nehmen und mich dem Zeichnen professionell zu widmen. Das war eine Perspektive von jemand anderem, welche eine eigene Reflexion geschaffen hat. Ich habe allmählich erkannt, dass Kunst eine Option für eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit meinen Themen sein kann. Dann habe ich es ausprobiert. Es hat sofort geklappt und ich habe die Zusage für die Teilnahme beim Berliner Kunstsalon während der ArtWeek bekommen. Eineinhalb Jahre später habe ich mitbekommen, dass das „Haus der Kulturen der Welt“ in Berlin ein Projekt zum Thema des Anthropozäns gestartet hat. Das Anthropozän geht von der Theorie aus, dass wir in eine neue geologische Zeitepoche eingetreten sind, in der die Menschheit zum maßgeblichen geologischen Faktor geworden ist, in der auch das zukünftige Leben und Überleben der Menschheit zum Thema wird. Das zweijährige Projekt, zu dem Wissenschaftler und Künstler aus der ganzen Welt eingeladen waren, habe ich aufmerksam verfolgt. Es hat mich stark beeindruckt und verstärkt in meinen Ansatz in der Kunst wieder zu Fragestellungen, die die Naturwissenschaft betreffen, zurückzukommen. Der Kreis schließt sich.

Was machst du genau?
Ich bin nicht festgelegt in der Form des Ausdrucks. Grundsätzlich liegt mein Interesse bei Themen wie Technologie, Erde und Wissenschaft. Ein Schwerpunkt liegt sicher in der zeichnerischen Arbeit, ich bin aber nicht darauf festgelegt, sondern arbeite auch im Übergang zum Objekt, mache Fotos und Installationen, und programmiere Sachen. Ein zweiter Schwerpunkt sind Projekte an der Grenze von Kunst und Wissenschaft zu entwickeln. Ich habe z.B. ein Projekt zum Erdbebenrisiko von Istanbul entwickelt, das auch vom Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam unterstützt wird. Das Projekt habe ich letzten Sommer am ‚Haus der Kulturen der Welt HKW‘ in Berlin beim Forecast Forum vorgestellt.

Wie geht man eigentlich an ein komplett neues Thema heran?
Mit einer Frage bzw. Problemstellung, die mich interessiert oder, die mich drängt. Ich lese tatsächlich viel innerhalb meiner Arbeit. Ich recherchiere, gehe zu Vorträgen oder nehme an Seminaren teil. Um kreativ zu werden, erarbeite ich mir neues Wissen, das ich dann im besten Fall wieder neu verknüpfen kann. Das braucht auch immer seine Zeit, manchmal kommt eine Idee dann auch ganz plötzlich, in einem Moment.

Wie lange dauert der kreative Prozess?
Das ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Konzepte entwickeln sich über Monate. Die Umsetzung einer zeichnerischen Arbeit kann aber auch einige Monate in Anspruch nehmen, kleinere Arbeiten meist einige Tage.

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Im „Brockmann & Knoedler“-Salon hängen Zeichnungen und Assemblagen (Zeichnungen mit Relief und Objekten) von dir, auf denen Affen zu sehen sind. Welche Technik steckt dahinter?
Bei diesen Arbeiten wird meist Papier auf eine Metallplatte kaschiert (mittels Klebefolie) und die Haarstruktur des Fells mit einer Nadel ins Papier geritzt. Erst danach wurde über die Verletzungen im Papier gezeichnet, wodurch die prägnante Haarstruktur entsteht. Der Boden besteht aus einzelnen Stücken aus Papier, die Heftpflaster imitieren und übereinander verleimt sind. Bei der großen Arbeit sind das etwa 50.000 Stück, also etwa 60m² Papier. Nur alleine diese Papier-Pflaster herzustellen und zu verleimen, hat drei Monate gedauert.

Warum Affen?
Ich beschäftige mich ja in meinem Projekt Anthropomorpha mit der Frage nach dem Menschen. Den Affen als Motiv habe ich gewählt, weil er eine Grenzfigur zwischen Mensch und Tier ist. Weil er uns so ähnlich ist, ist er uns gleichzeitig auch sehr unheimlich. Und gerade weil er unheimlich ist, kann er auch das Unheimliche, das Verletzende und das Abwesende abwehren. Ein Abwehrzauber, der das zeigt was er auf Abstand halten möchte, was auch der Titel „Apotropaion“ der Arbeit bedeutet. In diesem Fall das Abwehren der Abwesenheit einer klaren Trennung zwischen Mensch und Tier.

Warum hast du genau die Mönchsaffen bzw. Kapuzineraffen gewählt?
Durch die hellen Gesichter bin ich ihnen ähnlicher. Und es sind übrigens sehr intelligente Affen. Die religiöse Assoziation, die ich auch berücksichtigt habe, steht in Verbindung mit einer schon länger geplanten noch kommenden Arbeit.

An manchen Bildern sind Teile nur skizzenhaft gezeichnet, der Rest aber sehr detailliert. Wie kommt das?
Bestimmte Sachen sollen nur im Hintergrund bleiben, oder sind der Hintergrund. Sie kommen aber in den Vordergrund, sobald man sich die Frage stellt.

Hattest du schon immer eine Vorliebe für das Detaillierte?
Ja. Leider ist dieser Perfektionismus manchmal auch eine Last, eine Besessenheit des immer genaueren Aneignens, das ich auch irgendwann mal abbrechen muss. Die Arbeit ist für mich also nicht einfach nur ein perfektes Abbilden. Stattdessen eine Praxis, bei der etwas animiert, getäuscht oder täuschend lebendig wird. Was man, glaube ich, in meinen Bildern sieht, ist, dass eigentlich fast alles rausguckt. Die Tiere, die Menschen. Man wird als Betrachter selber angeschaut und in Beziehung gesetzt. Der intensive Blick verstärkt die Lebendigkeit. Und ich überlege mir auch sehr genau, welche Mimik und, welche Geste ich zeige und inszeniere. Auch um, vielleicht im Sinne Pygmalions, nicht nur zu animieren sondern vielleicht selber animiert, getäuscht oder angesprochen zu werden.

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Du hast dich auch schon selbst porträtiert. Sogar nackt. Wie war das für dich?
Mich als Tier zu zeichnen war anstrengend und eine Herausforderung. Aber das bin ja nicht ich, sondern eine Zeichnung. Aber ein Bild kann eben auch mächtig sein bzw. wirken.

Sind deine Arbeiten Denkanstöße für die Betrachter?
Das wäre schön. Für mich selber stecken darin stets eigene neue Erkenntnisse. Im Moment geht es auch in die Richtung Wissenschaftskommunikation. Bei den Projekten an der Grenze von Kunst und Wissenschaft soll tatsächlich auch etwas vermittelt werden, meist auch so komplexe Themen wie das unsichere Wissen der Wissenschaftler. Das Vermitteln erfolgt nicht mit rein wissenschaftlichen Mitteln, sondern auch mit künstlerischen und ästhetischen.

Steckst du dir immer wieder neue Ziele? Was sind sind Projekte, an denen du zur Zeit arbeitest?
Klar, gerade mache ich mir zum Beispiel Gedanken über das Niger Delta. Das gesamte einst ökologisch unglaublich reiche Territorium wird seit 50 Jahren mit Öl verseucht. Die am stärksten ölverseuchte Region der Welt. Ich stelle mir die Frage, was hat dies mit uns hier im Norden zu tun und, wie kann man das darstellen. Vor kurzem habe ich den Kunstverein GROUND e.V. in Berlin mitgegründet. Und am 9. Dezember dieses Jahr wird eine Ausstellung von mir in der Galerie Gerken in Berlin eröffnet. Zur Zeit entstehen die neuen Arbeiten, die dort zu sehen sein werden. Im Zentrum stehen diesmal Zeichnungen und ein von mir verfasstes Essay. Dieses dreht sich um eine fiktive Erdbeben-Frühwarnungs-App. Die Zeichnungen greifen dabei in ungewohnter Weise Fragestellungen zu wissenschaftlicher Risikoprognose, Algorithmen und Alarmierung auf, und dem Erkennen des richtigen Moments.

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Fotos: Svenja Schüffler, Marcus Lieberenz http://www.bildbuehne.de/htdocs/titel.htm

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