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Komm, wir gehen wandern!

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Als Kind konnte ich nicht nachvollziehen, was meine Eltern dazu bewegt, wandern zu gehen. Den ganzen Tag kämpft man sich bergauf, ächzt, schwitzt, bei Wind und Wetter, und das nur, um am Ende des Tages wieder bergab zu laufen. Der Sinn des Ganzen entschloss sich mir in keinem der unzähligen Wander-Urlaube, so gut meine Eltern auch versuchten, es mir schmackhaft zu machen. Es mussten erst 15 Jahre vergehen, um zu begreifen, dass Wandern mehr ist, als das anstrengende Erklimmen von Gipfeln.

Für mich ist das „In-der-Natur-sein“ eine Wohltat, um Körper und Geist wieder auf Null zurückzusetzen und dem Alltagsstress zu entfliehen. Ich liebe die Berge, die endlosen grünen Wiesen und die faszinierende Tierwelt. Daher habe ich mich im vergangenen Jahr auch wieder mit dem Thema „Wandern“ befasst und ausprobiert, ob ich daran inzwischen genau so viel Gefallen finden würde, wie meine Eltern. Ich habe mir passende Kleidung gekauft sowie ein neues paar Wanderschuhe. Und eine große Packung Blasenpflaster. Der Wanderurlaub war gebucht, also hieß es: Schuhe einlaufen und die Kondition trainieren! Praktisch, wenn sich um die Ecke die unendlichen Weiten der Sächsischen Schweiz erstrecken und man sich selbst schon einmal testen kann!

An einem Samstag im August war es dann endlich so weit: Über die App Outdooractive haben sich mein Freund und ich für den Anfang eine mittelschwere Route von circa zwölf Kilometern ausgesucht, die entlang vieler bekannter Aussichtspunkte führt und als beliebter Klassiker bekannt ist. Auch wenn das Wetter an diesem Tag eher nass-kalt und sehr nebelig war,  starteten wir nach kurzer Autofahrt an der Schrammsteinbaude unsere Tour. Der dicke Nebel hüllte den Wald, durch den wir liefen, in ein märchenhaftes Licht. Unser Wanderweg führte weiter durch kantige Felsformationen. Über Metalltreppen, Leitern und Holzbohlen kraxelelten wir durch eine feuchtkühle Schlucht immer weiter bergauf. Notiz am Rande: Unsere Kondition lässt doch noch sehr zu wünschen übrig… Jedoch werden wir nach diesem anstrengenden Aufstieg  belohnt und können – auf den Schrammsteinen angekommen – verschnaufen und erleben einen unglaublichen Rundumblick auf die Felsen der Sächsischen Schweiz.


Nebel und Regen nehmen uns zwar etwas die Sicht, sorgen aber gleichzeitig für eine mystische Kulisse. Unterhalb der Schrammsteine schlängelt sich im Tal die Elbe entlang. Es ist beeindruckend, was die Natur hier geschaffen hat. Nach kurzer Pause führt der Weg ein Stück zurück und dann über viele Leitern und Treppen weiter in Richtung Breite Kluft. Auf dem Weg beginnt es leider fürchterlich an zu regnen, so dass die vielen Treppen und Leitern sehr rutschig werden. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr! Augen zu und durch!“, denke ich mir. Also Jacke zu, Kapuze um und weiter geht’s! Uns begegnen immer wieder viele Touristen mit Sandalen an den Füßen, die mit der Witterung deutliche Probleme haben und sich nur mit Mühe die Wege entlang hangeln. Ein Glück, dass wir unsere Wanderschuhe haben. An der Breiten Kluft angekommen, machen wir eine kurze Pause und genießen einen einmaligen Blick in die Ferne. Auch hier erstrecken sich die typischen Felsformationen und die dicht bewachsenen Wälder neben tiefen Kluften, in denen die dicken Regenwolken festhängen.

Unsere letzte große Aussichtsplattform ist der berühmte Carolafelsen. Dort angekommen machen wir eine ausgiebige Pause und essen unsere Brote, Äpfel und Kekse, die wir uns Zuhause eingepackt haben. So sitzen wir auf dem Boden, essen und betrachten das vor uns liegende Tal, während der Regen langsam nachlässt. Neben uns sitzen viele andere Wanderer, die die gleiche Idee hatten. Auch sie sind sichtlich vom Regen  in Mitleidenschaft gezogen worden. Wann kommt endlich die Sonne wieder? Man sieht ihnen an, dass sie sich genau diese Frage stellen… Nach einer dreiviertel Stunde machen wir uns langsam auf den Weg bergab. Ich verfolge die Wegbeschreibung unserer Route und lese, dass wir jetzt die Wilde Hölle hinab gehen müssen. Diese Wilde Hölle ist so wild, dass ich sie gar nicht wirklich registriere und meinen Freund erst einmal daran vorbeilotse: „Das ist doch kein Weg! Guck doch mal, da sind nur Büsche und Felsen. Hier rechts ist ein Pfad. Das wird die Wilde Hölle sein!“ Also bogen wir rechts ab in der festen Annahme, richtig zu sein. Unser GPS Tracker zeigte uns aber schnell, dass wir die falsche Richtung eingeschlagen hatten… Also ging es zurück und die, für mich nicht als Weg erkennbare Schlucht in Richtung Kirnitzschtal hinab. Kurz darauf war mir klar, warum dieser Weg Wilde Hölle hieß und warum auf dem Schild „Schwierig!“ stand…  Es war tatsächlich kein normaler Weg. Wir mussten über riesigen Felsen  klettern, welche mit feuchtem Moos bewachsen waren. Das erschwerte natürlich das Festhalten ungemein. Hier und da gab es gar keinen direkten Weg mehr – man musste an der Felswand mittels kleinen Metalltritten entlang klettern. Nichts für schwache Nerven und schicke Turnschuhe! Wir überholten einige „Wanderer“, die die ganze Wilde Hölle nur so herab schlitterten. Ich hoffe bis heute, dass sie ohne Beinbrüche Zuhause angekommen sind… Die letzte Hürde war eine leicht in den Fels eingeschliffene Treppe, die ich nur hinab rutschen konnte, da der Abstand der letzten Stufe zum Boden einfach viel zu groß war. An dieser Stelle war ich sehr froh, dass wir den Weg bergab und nicht bergauf gehen mussten.

Kaum sind wir der Wilden Hölle entkommen, bricht die Sonne plötzlich durch die Wolken und der Himmel reißt auf. Nach all den Strapazen am Vormittag war das die größte Belohnung. Der Weg geht sanft bergab durch einen Wald hindurch. Die Luft ist angenehm frisch und riecht nach Sommerregen. Durch die Baumwipfel piksen immer wieder Sonnenstrahlen hindurch und trocknen unsere nassen Regenjacken. Tief einatmen, die Ruhe genießen. Mehr braucht es nicht. Inzwischen sind wir schon fünf Stunden unterwegs. Die Route ist eigentlich ausgeschrieben auf eine Laufdauer von vier Stunden. Irgendwas machen wir wohl falsch. Entweder sind wir zu langsam oder wir haben zu viele Pausen gemacht. Aber das hier ist ja auch kein Wettrennen – ich bin dankbar über jede Minute hier draußen. An einer großen Wiese angekommen, haben wir noch einmal einen wunderbaren Blick auf die nördliche Seite der Schrammsteinkette, die wir zu Beginn unserer Tour erklommen haben. Schon verrückt, wie hoch sie von hier unten sind!

Auf dem Elbleitenweg angekommen, geht rechterhand ein Pfad ab, der zurück zum Schießgrund führt. Hier erwartete uns eine große Überraschung! Der Falkenstein, welcher am Morgen noch in dicke Wolken gepackt und damit für uns vollkommen unsichtbar war, erstreckte sich vor uns im Glanz der Nachmittagssonne. Mit diesem letzten Highlight unserer Tour kehrten wir nach insgesamt fünfeinhalb Stunden zum Auto zurück. Die Beine schmerzten, die Füße qualmten – aber der Kopf war frei.

Mein Fazit: Ich bin immer wieder begeistert, welch unterschiedlichen Formen die Natur mit sich bringt und dankbar dafür, diese erkunden zu können. Nach so einem Tag ist man natürlich k.o., aber im Inneren spürt man eine wohlige Wärme und ein riesiges Glücksgefühl, verbunden mit einer großen Portion Stolz. Schließlich haben wir zwölf Kilometer und 477 Höhenmeter überwunden, uns Herausforderungen gestellt und dem Wetter getrotzt. In diesen Momenten wirkt alles andere nichtig und irrelevant. Und genau das ist vermutlich, was meine Eltern am Wandern auch schon fasziniert hat. Wandern ist wirklich mehr als das Erklimmen von Gipfeln. Wer aus dem Alltag ausbrechen, den Kopf frei bekommen und gleichzeitig etwas für die Fitness tun möchte, sollte es unbedingt ausprobieren! Jeder noch so schwere Anstieg lohnt mit einer atemberaubenden Aussicht. Also nichts wie raus mit Euch. Der Frühling steht vor der Tür und tolle Landschaften, die entdeckt werden möchten.

Du hast Lust, diese Tour selbst zu gehen? Hier findest du die Route.

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