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Die Arbeit mit dem Tod ist kein Trauerspiel

Das Leben ist vergänglich, das wissen wir. Tage gehen vorüber, Menschen gehen von uns. Doch wenn diese eine geliebte Person aus deinem Leben tritt, fühlt es sich an, als würde die Welt für einen Moment still stehen. Schmerz, Trauer, Kontrolllosigkeit. Was am Ende bleibt, ist nicht greifbar. Es sind die Erinnerungen.

“Du bist erst tot, wenn sich niemand an dich erinnert” – so steht es auf der Seite von “Vergiss mein nie” geschrieben. Madita van Hülsen und Anemone Zeim gründeten das Unternehmen, welches u.a. für Trauerbegleitung steht. Aber viel mehr ist es eine Erinnerungswerkstatt. In kreativen und emotionalen Prozessen entstehen hier Erinnerungsstücke für die Ewigkeit. Denn an dem Tod kann man nichts rütteln, eine geliebte Person nicht mehr zurück ins Leben holen. Akzeptanz ist das Stichwort. Nach vorne zu schauen der Weg. Und auf diesem kann auch der Verstorbene ein Teil des eigenen Lebens bleiben – mit Erinnerungen.

“Wir haben uns grundsätzlich mit dem Thema Tod auseinander gesetzt und gemerkt, dass viele Menschen sehr ungern darüber sprechen. Und wenn es dann soweit ist, weiß man nicht, was man machen soll, weil man sich nicht auskennt. Es gibt viele Dienstleistungen um das Thema Sterben und Bestattungen, aber es gibt keinen Service, der sich damit befasst, was bleiben soll. Was bleibt, ist die Erinnerung”, erklärt uns Anemone im Interview mit “Organic Lifestyle”.

Und diese sind in jedem Fall ganz unterschiedlich und individuell. Deswegen ist ein gemeinsames Gespräch mit den “Vergiss mein nie”-Gründerinnen essenziell. In Hamburg haben es sich die beiden mit ihrer Erinnerungswerkstatt gemütlich gemacht. Wenn die “Kunden”, die Trauernden, zu ihnen kommen, soll der Raum eine positive Atmosphäre versprühen. Hier geht es nicht darum, Abschied zu nehmen. Viel mehr soll der Verstorbene geehrt werden, nicht in Vergessenheit geraten. “Jeder hat ja verschiedene Erinnerungsstücke, die mehr oder weniger mit Gefühlen behaftet sind. Wir fassen das quasi zusammen, sodass es alltagstauglich wird”, sagt Anemone. Was am Ende dabei heraus kommt, ist bei jedem Mal etwas anderes. Eben ganz individuell. “Es gab den Fall, als die Mutter von einer jungen Frau verstorben ist. Nach dem Tod hatte sie noch den Lieblingspullover ihrer Mutter, welchen sie selbst gestrickt hatte. Der war aber total aus der Mode. Sie konnte den Pullover also nicht nicht benutzen, aber sich natürlich auch nicht von ihm trennen. Wir haben dann überlegt, welche Möglichkeiten es gibt und letztendlich einen Schal daraus gestrickt. Die Form ist zwar weg, aber die Erinnerungen kann sie jetzt immer bei sich tragen. Außerdem ist der Schal noch mit dem Geruch ihrer Mutter behaftet.”

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Dass sich Madita und Anemone nach und nach immer mehr mit dem Tod beschäftigten, war ein Prozess. “Madita und ich haben beide jemanden verloren, haben unsere Erfahrungen gemacht. Wir haben in der Zeit festgestellt, dass wir junge Frauen sind, die einen gewissen Anspruch an die Welt haben, dass wir stark individuell unser Leben gestalten. Wenn man dann aber beim Bestatter sitzt, ist das alles weg – weil man keine Ahnung hat, was abgeht. Das war der erste Impuls”, erzählt sie. “Ich habe Madita getroffen und die hatte ähnliche Erfahrungen gemacht. Man muss stark in sich hineinfühlen und das können die Leute meist nicht, weil sie mit der Situation überfordert sind. Deswegen haben wir uns an einem Punkt getroffen. Wir können uns über das Thema unterhalten, ohne dass die Stimmung total kippt. Es war sehr angenehm und befreiend, mal darüber sprechen zu können.”

Und trotzdem gilt der Tod immer noch als Tabuthema. Zu angsteinflössend ist der Gedanke daran, zu schmerzhaft die Erinnerungen. “Der Tod wird weggeschaltet. Wir leben in einer makellosen Welt, man darf keine Fehler machen. Das Nicht-Funktionieren ist nicht gern gesehen heute. Der Tod passt gar nicht in dieses Lebenskonzept. Klar, ist das Thema in den Zeitungen allgegenwärtig. Aber kulturell haben wir es verlernt. Es gibt da Berührungsängste. Es ist wichtig, dass man seine Möglichkeiten kennt”, findet Anemone. “Aber nach und nach tut sich was in der Leben-Tod-Thematik. Doch da ist noch ganz viel Luft nach oben – bis es ein normal integriertes Thema ist, wozu die Kinder ihre Eltern befragen können. Wir denken, dass es dann auch nicht mehr so angsteinflössend ist.”

Neben der Erinnerungsarbeit und Workshops hat das Duo auch ein Buch rund um das Thema Tod geschrieben. Keine Trauer-Lektüre, sondern ein positiver Impuls.  “Es geht darum, wie sich die Erinnerungsarbeit positiv auf die Trauer auswirken kann. Man zieht nicht Kraft aus dem Verlust, sondern aus dem gemeinsam gegangenen Weg”, erklärt sie. “Das geht durch kreative Arbeit oder durch Erinnerungsstücke. Es ist ein Info-Buch, gibt aber auch Anleitungen.”

Wir haben gelernt: Die Arbeit mit dem Tod ist kein Trauerspiel. Anemone: “Ich habe mitgenommen, dass das Leben ein Wunder ist. Bis es entsteht, wie lange es da sein darf. Es ist so ein großes Glück, dass man jeden Tag rausgehen und sich über kleine Dinge freuen sollte.” Und das sollten wir alle…

Fotos: Vergiss mein nie Promo